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Der Herbst, der schon im letzten Jahr begann


Im vergangenen Herbst hatten wir so viele Äpfel, dass irgendwann Kisten im Keller standen, Schüsseln auf der Küchenzeile und Eimer darauf warteten, dass endlich jemand Zeit für sie hatte. Aus den ersten Äpfeln, über die man sich noch richtig freut, war innerhalb weniger Wochen eine Ernte geworden, die kaum kleiner zu werden schien, egal wie viel wir davon verarbeiteten.

Ich habe darüber im Herbstmagazin einen ganzen Text geschrieben, über genau dieses herrliche Zuviel. Alles wird gleichzeitig reif und niemand fragt vorher, ob man gerade Zeit dafür hat. Dann stehen die Äpfel eben in Kisten herum, die Birnen werden schneller weich, als man sie essen kann und unter dem Walnussbaum muss gesammelt werden, bevor die Mäuse schneller sind.

Einer unserer Apfelbäume hat es im vergangenen Jahr mit dieser Fülle allerdings ziemlich weit getrieben. Unsere alte Sternrenette hing so voll, dass ein Teil des Baumes unter der Last auseinanderbrach. Sie steht vermutlich schon seit den ersten Jahren unseres Hofes dort und dürfte inzwischen um die sechzig Jahre alt sein. Ganz erholt hat sie sich davon nicht; sie bricht noch immer weiter auseinander. Aber auch unsere jüngeren Apfelbäume, von denen einige ungefähr fünfzehn Jahre alt sind, waren im vergangenen Jahr ungewöhnlich voll.

In diesem Jahr sieht es anders aus. Gerade an den Bäumen, die uns im vergangenen Herbst mit Äpfeln überschüttet hatten, hängen deutlich weniger Früchte. Es sind immer noch genug, um beim Vorbeigehen einen vom Baum zu pflücken, einen Kuchen zu backen oder ein paar Äpfel mit ins Haus zu nehmen. Aber ich stehe diesmal nicht unter den Bäumen und überlege krampfhaft, wo noch eine leere Kiste sein könnte.

Das hatte ich so nicht erwartet, denn seit diesem Jahr haben wir eigene Bienen. Ich war mir ziemlich sicher, dass sich Tausende zusätzliche Bestäuber im Garten auch bei den Obstbäumen bemerkbar machen würden und wir deshalb eher mit noch mehr Äpfeln rechnen könnten. Stattdessen war ausgerechnet nach unserem gewaltigen Apfeljahr die Ernte wesentlich kleiner geworden. Irgendwie merkwürdig.

da ich dieses Phänomen schon länger kenne, hab ich etwas nachgelesen und bin dabei auf etwas gestoßen, das ich an Apfelbäumen ziemlich erstaunlich finde: Die Geschichte der diesjährigen Ernte hatte bereits begonnen, als die Äpfel des vergangenen Jahres noch an den Zweigen hingen.

Was ein voller Apfelbaum mit dem nächsten Jahr zu tun hat

Apfelbäume beginnen schon wenige Wochen nach der Blüte damit, die Voraussetzungen für das kommende Jahr zu schaffen. Je nach Sorte werden ungefähr 30 bis 90 Tage nach der Vollblüte bereits die Blütenknospen für das nächste Frühjahr angelegt. Während die Äpfel eines Jahres also noch wachsen und reifen, entscheidet sich im Baum schon mit, wie üppig er im folgenden Frühjahr blühen wird.

Das wird besonders interessant, wenn ein Baum sehr viele Früchte trägt. Ein großer Fruchtbehang beansprucht nicht nur entsprechend viele Ressourcen. Die vorhandenen Früchte beeinflussen über pflanzliche Hormone auch die Bildung der Blütenknospen für das kommende Jahr. Hängt ein Baum außergewöhnlich voll, kann er deshalb für das nächste Frühjahr deutlich weniger Blüten anlegen.

Dieses Phänomen nennt sich Alternanz (hört sich an wie ein toller Name für einen Eremiten auf einer einsamen Alm, oder?). Es ist die Neigung von Obstbäumen, nach einem sehr ertragreichen Jahr im folgenden Jahr deutlich weniger zu tragen. Wie ausgeprägt das geschieht, hängt unter anderem von der Sorte ab; auch Wetter, Pflege und die jeweilige Fruchtmenge spielen eine Rolle. Es handelt sich deshalb nicht um einen festen Zweijahresrhythmus, nach dem jeder Apfelbaum zuverlässig zwischen einem vollen und einem leeren Jahr wechselt. Ein außergewöhnlich starker Behang kann aber durchaus dazu beitragen, dass die nächste Ernte wesentlich kleiner ausfällt.

Damit bekam unser vergangenes Apfeljahr für mich noch eine zweite Geschichte. Während wir Körbe füllten, Äpfel aufsammelten und irgendwann kaum noch wussten, wohin damit, bereitete sich der Baum bereits auf die nächste Saison vor. Voll spannend!

Irgendwie ist mein Respekt vor dem Apfelbaum jetzt noch weiter gewachsen. Ich stelle immer wieder fest, wie schlau die Natur eigentlich ist und wie fantastisch! Jedes mal, wenn ich jetzt zu den Apfelbäumen gehe, freue ich mich sogar noch ein bisschen mehr. Ich pflücke einen schönen roten, manchmal esse ich ihn gleich draußen, manchmal landet er in der Küche. Es sind genug für Apfelkuchen und Apfelmus da, und wahrscheinlich werden noch einige Wochen lang Äpfel an den Bäumen hängen. Nur der Entsafter, der im vergangenen Jahr mit den Mengen irgendwann genauso überfordert war wie wir und regelmäßig heiß lief, hat in diesem Herbst Pause.

Ich mag diese ruhigere Ernte inzwischen genauso gern. Im vergangenen Jahr gehörten die vollen Kisten, die Eimer und die kaum zu bewältigenden Mengen zum Herbst. In diesem Jahr kann ich an einem Baum vorbeigehen, nach einem Apfel greifen und muss mir keine Gedanken darüber machen, was mit den übrigen hundert passieren soll.

Geschrieben von Miriam Emme am .

Der Herbst, der schon im letzten Jahr begann

| Miriam Emme | Jahreszeiten

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