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Mein erstes Bienenjahr


Mitte Oktober geht unser erstes Bienenjahr langsam zu Ende. Die Honigernte liegt längst hinter uns, die Völker werden für den Winter vorbereitet, und in den Beuten ist es inzwischen wesentlich ruhiger geworden. Noch vor wenigen Monaten herrschte dort ein unglaubliches Kommen und Gehen.

Tausende Bienen flogen aus, kehrten mit Pollen und Nektar zurück, und an warmen Tagen konnte man schon aus einiger Entfernung hören, wie viel Betrieb vor den Fluglöchern war. Jetzt geht es darum, dass die Völker gesund und mit ausreichend Futter durch die kalten Monate kommen.

Erst Mitte dieser Woche haben wir noch einen kleinen Ableger abgeholt, der bislang bei meinem Bienenvater stand. Er ist inzwischen in sein neues Zuhause eingezogen und hat zusätzliches Futter bekommen, denn das junge Volk hatte noch gar nicht die Möglichkeit, genügend eigene Vorräte anzulegen. Damit ist auch unser letzter Neuzugang versorgt, und während draußen langsam der Herbst Einzug hält, denke ich darüber nach, was in diesen wenigen Monaten eigentlich alles passiert ist.

Unter Imkern gibt es den alten Ausspruch, dass das Bienenjahr bereits zu Mittsommer endet. Das klingt zunächst merkwürdig, schließlich beginnt für uns Menschen gerade dann erst der eigentliche Sommer. Die Tage sind lang, die Gärten stehen in voller Blüte, und an Winter möchte noch niemand denken. Für die Bienen liegt der Höhepunkt ihrer Entwicklung zu diesem Zeitpunkt jedoch häufig schon hinter ihnen. Viele wichtige Trachtpflanzen haben ihre Hauptblüte beendet, und mit den kürzer werdenden Tagen verändert sich allmählich auch das Leben im Bienenstock. Zwar können je nach Region und Blütenangebot noch bis weit in den Sommer hinein größere Mengen Nektar eingetragen werden, doch irgendwann endet auch die letzte Honigernte. Von da an gehören die Vorräte den Bienen, und wir Imker beschäftigen uns zunehmend mit der Vorbereitung auf den Winter.

Als wir im Frühjahr unsere ersten beiden Bienenvölker bekamen, war dieser Zeitpunkt für mich noch unvorstellbar weit entfernt. Ich war vollkommen begeistert. Endlich eigene Bienen! Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, dass ich anfangs beinahe jede Gelegenheit nutzte, um zu den Beuten zu gehen und einfach nur zuzusehen. Besonders erstaunlich finde ich im Rückblick, wie unbefangen ich damals war. Ich ging ohne Schutzanzug und ohne Schleier zu meinen Bienen, beobachtete sie am Flugloch und hatte überhaupt keine Sorge, dass mir etwas passieren könnte. Mein Mann war wesentlich vorsichtiger. Er hatte großen Respekt vor den Tieren und hielt sich lieber etwas zurück, während ich mit meiner Begeisterung kaum wusste wohin.

Natürlich wussten wir, dass wir noch viel lernen mussten. Ich besuchte einen viermonatigen Imkerkurs und zusätzlich einen Honigkurs, die ich beide erfolgreich abschloss. Außerdem hatte ich das große Glück, bei drei erfahrenen Imkern mitarbeiten und ihnen über die Schulter schauen zu dürfen. Dabei merkt man ziemlich schnell, dass die Imkerei weit über das hinausgeht, was man sich darunter vorstellt, solange man noch nie selbst eine Beute geöffnet hat. Plötzlich beschäftigt man sich mit Brutbildern, Schwarmstimmung, Trachtverhältnissen, Futtervorräten und dem richtigen Zeitpunkt für die verschiedensten Arbeiten. Man lernt, die Waben aufmerksam zu betrachten, Veränderungen im Volk zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, deren Folgen sich manchmal erst Wochen später zeigen.

Und man beginnt zu verstehen, was es bedeutet, dass ein Bienenvolk ein sogenannter Superorganismus ist. Die einzelne Biene ist natürlich ein eigenständiges Lebewesen, doch viele der erstaunlichsten Leistungen entstehen erst durch das Zusammenwirken des gesamten Volkes. Tausende Tiere übernehmen unterschiedliche Aufgaben, kommunizieren miteinander, regulieren die Temperatur im Stock und reagieren gemeinsam auf Veränderungen ihrer Umgebung. Eine einzelne Biene könnte keinen Winter überstehen, wie es ein ganzes Volk vermag. Erst in dieser Gemeinschaft entstehen Fähigkeiten, die weit über die Möglichkeiten des einzelnen Tieres hinausgehen. Je mehr ich darüber erfahre, desto faszinierender finde ich diese Wesen.

Unsere Bienen waren in diesem Sommer außerdem unglaublich fleißig. Insgesamt konnten wir rund 80 Kilogramm Honig ernten. Achtzig Kilo! Ich weiß noch, wie beeindruckend ich es fand, die vollen Honigwaben aus den Beuten zu nehmen und später zu sehen, wie der Honig aus der Schleuder floss. Wenn man selbst erlebt hat, wie viele Bienen daran beteiligt sind, wie viel Nektar gesammelt und verarbeitet werden muss und wie sorgfältig das Volk seine Vorräte anlegt, bekommt ein Glas Honig plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Ich glaube, ich werde nie wieder gedankenlos einen Löffel Honig in meinen Tee rühren.

Im Laufe des Sommers kam noch ein drittes Volk dazu, das ich von einem befreundeten Imker bekam. Anfangs freute ich mich natürlich über den Zuwachs. Allerdings stellte sich bald heraus, dass mit diesem Volk etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Bienen waren unglaublich aggressiv. Sobald wir uns den Beuten näherten, wurden wir angegriffen, und irgendwann konnten wir uns kaum noch in diesem Bereich unseres Grundstücks aufhalten. Selbst auf der Weide, ungefähr fünfzig Meter von den Bienenstöcken entfernt, wurden wir noch verfolgt und gestochen. Das war eine völlig andere Erfahrung als alles, was ich bis dahin mit meinen beiden Völkern erlebt hatte. Während ich vorher vollkommen selbstverständlich zwischen den Beuten gestanden hatte, begann ich nun, jede Annäherung mit großer Vorsicht zu betrachten.
Ich suchte immer wieder nach der Königin. Wabe für Wabe sah ich durch, kontrollierte das Volk erneut und versuchte herauszufinden, was dort vor sich ging. Schließlich musste ich einsehen, dass offenbar nie eine Königin bei mir angekommen war. Ein weiselloses Volk kann sehr unruhig werden und eine deutlich erhöhte Verteidigungsbereitschaft zeigen, auch wenn das Verhalten von Bienen natürlich von verschiedenen Faktoren abhängt. In unserem Fall war die Situation jedenfalls so schwierig geworden, dass der erfahrene Imker, von dem ich das Volk bekommen hatte, es schließlich wieder abholte. Damit war das unmittelbare Problem gelöst. Die Erfahrung blieb allerdings.

Ich hatte vorher überhaupt nicht damit gerechnet, dass mich diese Wochen so nachhaltig beschäftigen würden. Schließlich wusste ich längst, dass Bienen stechen können, und natürlich gehört ein gewisser Respekt vor ihnen zur Imkerei. Aber zwischen diesem Wissen und der Erfahrung, auf dem eigenen Grundstück plötzlich vor einem Bienenvolk zurückweichen zu müssen, liegt ein gewaltiger Unterschied. Ich war es gewohnt gewesen, ruhig und ohne große Bedenken an meinen Beuten zu arbeiten. Inzwischen merke ich, dass ich nervös werde, sobald ich mich ihnen nähere. Ich achte viel stärker auf jede Bewegung, auf das Summen um mich herum und darauf, wie die Bienen auf meine Anwesenheit reagieren.

Das Merkwürdige daran ist, dass mein Mann inzwischen eine beinahe gegenteilige Entwicklung gemacht hat. Während er zu Beginn unseres Bienenjahres noch ängstlich war und ich mich völlig unbefangen zwischen den Völkern bewegte, ist er mit jeder Erfahrung ruhiger und souveräner geworden. Er arbeitet inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit an den Beuten, um die ich ihn manchmal richtig beneide. Ich dagegen muss mir einen Teil dieser Ruhe erst wieder zurückholen.

Gestern habe ich mit meinem Bienenvater darüber gesprochen. Er kennt die Bienen seit vielen Jahren und hat mich durch einen großen Teil meiner ersten Saison begleitet. Er meinte, dass ich durch das aggressive Volk eine Art Trauma mit mir herumtrage. Ich hätte eine Seite dieser Tiere kennengelernt, die ich vorher nicht kannte, und müsse mir jetzt einfach Zeit geben, diese Erfahrung zu verarbeiten. Die Sicherheit und Leichtigkeit würden schon wiederkommen.

Ich hoffe sehr, dass er recht behält. Denn gerade diese Unbefangenheit gehörte für mich zu den schönsten Dingen an meinem ersten Bienenjahr. Ich liebte es, an den Stöcken zu stehen, die Tiere zu beobachten und mich mitten in ihrem geschäftigen Treiben vollkommen wohlzufühlen. Es wäre schade, wenn ich dieses Gefühl dauerhaft verlieren würde. Immerhin habe ich inzwischen auch gelernt, dass man in der Imkerei nicht alles erzwingen kann. Manche Entwicklungen brauchen Zeit, und wahrscheinlich gilt das gelegentlich auch für den Menschen hinter dem Smoker.

Jetzt werden die Völker eingewintert. Während im Frühjahr und Frühsommer alles auf Wachstum ausgerichtet war, verändert sich im Spätsommer die Zusammensetzung des Bienenvolkes. Die Königin legt allmählich weniger Eier, die Zahl der Arbeiterinnen nimmt ab, und es werden jene langlebigen Winterbienen aufgezogen, die das Volk durch die kommenden Monate bringen sollen. Sie unterscheiden sich physiologisch von den kurzlebigeren Sommerbienen und können mehrere Monate überdauern. Im Winter rücken die Tiere bei niedrigen Temperaturen eng zusammen, bilden ihre Wintertraube und halten sich durch ihre gemeinsame Wärmeproduktion am Leben.
Auch draußen hat sich inzwischen einiges verändert. Viele Pflanzen, an denen im Sommer noch unzählige Bienen unterwegs waren, sind längst verblüht. Das Nektarangebot ist geringer geworden, und an manchen Tagen herrscht vor den Fluglöchern nur wenig Betrieb. Wenn es warm genug ist, fliegen die Bienen natürlich weiterhin aus. Doch die große Betriebsamkeit des Frühsommers ist vorbei. In den Beuten liegen die Futtervorräte, die sie durch den Winter bringen sollen, und wir können nur noch dafür sorgen, dass die Voraussetzungen dafür möglichst gut sind.

Wenn ich auf diese erste Saison zurückblicke, kommt es mir beinahe unglaublich vor, wie viel wir in so kurzer Zeit erlebt haben. Im Frühjahr standen wir voller Vorfreude vor unseren ersten beiden Völkern. Inzwischen haben wir Honig geschleudert, Ableger betreut, Königinnen gesucht, unzählige Waben betrachtet, Kurse besucht und bei erfahrenen Imkern gelernt. Wir haben Fehler gemacht, eine Königin verloren (warum wissen wir leider nicht), schwierige Entscheidungen treffen müssen und immer wieder festgestellt, wie viel wir noch nicht wissen.

Vor allem aber habe ich eine Welt kennengelernt, von der ich vorher nur eine sehr oberflächliche Vorstellung hatte. Je länger ich mich mit Bienen beschäftige, desto erstaunlicher erscheinen sie mir. Ihre Kommunikation, ihre Orientierung, das Zusammenleben von Zehntausenden Individuen, die komplizierten Abläufe innerhalb eines Volkes und diese unglaubliche Fähigkeit, gemeinsam auf ihre Umwelt zu reagieren. Sie sind wunderschön, manchmal ziemlich eigensinnig, unheimlich arbeitsam und auf eine Weise intelligent, die sich mit unserer eigenen kaum vergleichen lässt. Und obwohl ich inzwischen sehr viel mehr über sie weiß als noch zu Beginn des Jahres, haben sie für mich nichts von ihrem Geheimnis verloren. Ich finde sie sogar noch ein bisschen magischer als vorher.

In den kommenden Monaten werden wir die Beuten nur noch von außen beobachten und gelegentlich kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Dann wird der Winter kommen, und irgendwann, an einem der ersten warmen Tage des neuen Jahres, werden wieder Bienen vor den Fluglöchern auftauchen.

Bis dahin habe ich selbst ein wenig Zeit, meine Ruhe wiederzufinden. Und ich freue mich schon jetzt darauf, im nächsten Frühjahr wieder vor meinen Beuten zu stehen und dieses vertraute Summen zu hören

Geschrieben von Miriam Emme am .

Mein erstes Bienenjahr

| Miriam Emme | Gedankengarten

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